Eine Kurzgeschichte
Für den Weg zurück
Das Gewitter hatte sich fast komplett aufgelöst als Shima schweren Schrittes aus dem Dickicht trat. Der Trampelpfad, dem er tagelang gefolgt war, verlor sich in einer ausladenden, mit hohem, nun triefend nassem, Gras bewachsenen Wiese. Tiefes Grau färbte den Himmel, aber am Horizont zeichneten sich bereits die ersten Anzeichen einer aufziehenden Sonne ab. Trotz des noch vor wenigen Minuten und davor tagelang gnadenlos hinabpeitschenden Regens war die Temperatur ungewöhnlich hoch. Der Boden dampfte und dicke Schwaden stiegen zum Himmel. Den Weg zu finden war einfach gewesen, denn das Signallicht, hoch oben auf den Überresten der uralten Bunkeranlage, strahlte seinen grellen Intervall hunderte von Kilometern über das waldbedeckte Hügelland.
Shima zog die Riemen des Rucksacks noch einmal fest und hoffte, dass die Isolation des Inhalts ausreichend gewesen war. Den restlichen Weg würde er in einer guten Stunde schaffen.
Das Gemäuer, ein Verbund aus Metall und Stein, ragte stumpf und rostig aus dem Boden. Von nahem war der Anblick zugleich überwältigend und trostlos zugleich und noch immer troff Wasser in kleinen Bächen aus dem löchrigen Gemäuer. An einen altägyptischen Tempel erinnernde Stufen führten zu einem kleinen, erstaunlich gut erhaltenen Eingang empor vor dem, unter einem Dach aus morschen Stützen und Gestrüpp, eine dunkle Gestalt an einem Tisch saß. Als Shima sich die Stufen hinaufschleppte, die letzten Schritte sind bekanntlich entweder die einfachsten oder die schwersten, schien das Wesen ihn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und pragmatischem Interesse zu begutachten.
Am Tisch angekommen hob Shima den schweren und vom Regen klammen Rucksack vom Rücken, um ihn behutsam neben dem Tisch abzusetzen, während er den schwarz behaarten Humanoiden auf der anderen Seite fragend ansah. Dieser nickte unmerklich. Shima setzte sich während er das Wesen musterte. Der hiesige Schließer war ein hochgewachsener Vertreter seiner Art und hatte kurzes, dichtes Fell. An den unbehaarten Stellen schillerten mikroskopische Schuppen und zwei wache Augen blickten dem Besucher ins Gesicht. Auch schien er eine Vorliebe für die irdische Kultur der Mexikaner zu haben, denn als anscheinend) einziges Kleidungsstück trug er einen farbig bestickten Poncho. Auch Tabak bot ihm wohl eine ansprechende Beschäftigungstherapie, denn in seiner linken Hand ruhte eine schlichte, jedoch tadellos verarbeitete, Holzpfeife. Ein schmaler Faden von bläulichen Rauch stieg aus ihr in die Luft.
Mit einer selbstverständlichen Routine nahm Shima sich das Tee-Ei vom Tisch und befüllte es mit dem bereitliegenden Schwarztee. Nachdem er sich einen kleinen Krug mit heissem Wasser aus einer Metallkanne befüllt und den Tee hatte ziehen lassen, schnitt er eine handvoll Minzblätter in zwei Teile und stopfte sie mit einem Holzspatel auf den Boden des Trinkgefäßes. Als er seinen Blick über den Tisch schweifen liess, entdeckte er noch eine kleine Bambuskiste mit braunem Zucker, von dem er ein paar der größeren Kristalle zum Tee dazugab. Einige Minuten später rann der erste Schluck eines heißen, bittersüßen Getränkes seine Kehle hinab. Zufrieden ausatmend stellte er den Krug auf den Tisch und sein Blick fiel auf den Schließer. Dieser hatte sich inzwischen eine neue Pfeife gestopft.
"Einsam ist es hier und traurig", eröffnete der Schließer."Sprich mit mir, Wanderer."
"Ich möchte dir eine Geschichte von erlangten und verlorenen Dingen erzählen, auch handelt sie von der Zukunft, obgleich ich sie nicht sehen, sondern nur erhoffen, konstruieren oder verleugnen kann", entgegnete Shima, den Teekrug dabei auf dem Tisch drehend, so dass heisser Dampf seine Handfläche benetzte. "Im Grunde beinhaltet sie noch viel mehr, aber eine bessere Eröffnung fiel mir nicht ein. Geschichten fasst man normalerweise auch erst zusammen, nachdem man sie erzählt hat."
"Zusammenfassungen verschlucken wichtige Details und Nuancen, welche eine Geschichte erst hörenswert machen. Außer sie hat nur wenig mehr zu bieten, als ein von vornherein offensichtliches Ende", bemerkte der Schließer.
"Ja, das ist richtig. Andererseits: ein paar Worte vorweg helfen dem Zuhörer, die Geschichte wieder in die richtigen Bahnen zu leiten, sollte der Erzähler einmal zu weit abschweifen".
Der Schließer nickte wissend und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. "Fahr fort", forderte er Shima auf.
"Oft wird davon ausgegangen, dass man Dinge, die man über lange Zeit erschaffen hat, innerhalb von Sekunden unwiederbringbar zerstören kann. Materiell oder Immateriell spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Kinder bauen Sandburgen mit ungeheurer Akribie und Hingabe. Der Höhepunkt dieses Spiels ist aber deren Zerstörung innerhalb von Sekunden, das Lachen dabei am lautesten und ehrlichsten. Je weiter das Leben fortschreitet, desto differenzierter, doch nicht weniger destruktiv, wird das Handeln. Die Grundprinzipien sind dieselben geblieben.
Da wäre der Jugendliche, der den kalten, fräsenden Schmerz einer einseitig ausgelösten Trennung noch nicht kennt und dementsprechend arglos mit dem Gegenüber
umgeht. Oder die Frau, welche sich Jahrzehnte für die Familie aufopferte bis sie sich selbst nicht mehr kannte und in einem Befreiunsschlag alles hinter sich lässt. Der Firmenchef, welcher langsam vom Mahlstrom der Sucht nach noch mehr Reichtung und Sicherheit zerrieben wurde und merkt, dass er nichts mehr hat ausser den kalten Wänden der Montagehallen - nicht einmal mehr sich selbst, da eine wirkliche Identität nur hinderlich gewesen wäre. Nur ist die Zerstörung endgültig?
Man geht davon aus, wenn man dieses Wort verwendet. Zerstörte Dinge existieren nicht mehr. Aber ändern sie eigentlich nicht nur ihr Erscheinungsbild? Die Ruine auf dem Hügel berichtet auch noch von längst vergangenen Zeiten, obwohl sie schon lange in Trümmern liegt. In unseren Gedanken wird sie wieder zum einstigen Bollwerk, stolz und erhaben, umgeben von grünen Bäumen und Büschen. Uneinnehmbar trotzt sie allen Widrigkeiten. Die Wahrheit liegt jedoch vor uns wenn wir die Augen wieder öffnen. Schon lange vor dem Fall hat der Wind die Steine abgeschliffen und Regengüsse die Risse im Gemäuer ausgehöhlt.
Während ihre Herren in ihrem Bauch feierten und sich in Sicherheit wägten, lag die Zuflucht bereits im Sterben. Und so verfiel sie Stück für Stück, was ihren Bewohnern sicherlich auffiel, nur traute sich niemand, es zur Sprache zu bringen. Diese Problematik lässt sich auf viele
Situationen übertragen:
Auf der einen Seite möchte man nicht als Miesmacher dastehen und damit den offensichtlichen Erfolg und Besitz öffentlich schmälern, auf der Anderen nagt die Gewissheit des Unausweichlichen an der eigenen Seele. Also entschließt man sich lieber dazu, die Dinge so zu lassen, wie sie sind, um am Ende sagen zu können, dass in Sekunden zerstört wurde, was Jahre lang bestand hatte."
Shima hatte sich während des Erzählens eine Zigarette gedreht und suchte in den Jackentaschen nach einem Feuerzeug. Nach mehreren erfolglosen Versuchen fand er eines in seiner Weste. Es war eines dieser Feuerzeuge, welche mit Werbung bedruckt waren, die man noch nie im Leben zu Gesicht bekommen hatte. Wahrscheinlich gedankenverloren eingesteckter, ursprünglicher Besitz des guten Kollegen vom besten Freund, dessen Vater einen kleinen Betrieb am Laufen hält und Feuerzeuge als Werbemittel einsetzt.Es tat seinen Dienst ohne Grund zur Beschwerde.
"Wieso tun wir Menschen so etwas?" Stellte Shima die rhetorische Frage und machte eine Pause, um an seiner Zigarette zu ziehen. "Mit offenen Augen ins Unglück, ein akzeptiertes Scheitern. Und all das, obwohl zu scheitern ein gesellschaftliches Stigma der
übelsten Sorte ist."
"Ich höre viele solcher Geschichten. Diese hast sogar du mir vor langer Zeit schon einmal erzählt. Sicherlich mit weniger gewandten Worten ... aber der Inhalt gleicht sich."
Der Schließer seufzte. Er zog sich seinen Poncho zurecht und für einen kurzen Moment erschien der Stoff blasser zu werden. Shima schüttelte die optische Täuschung ab indem er schnell den Faden wieder aufnahm:
"Nein, diesmal geht sie weiter. Sie hat ein Ende bekommen:
Egal auf welchem Fundament gebaut wurde: Zerstörung ist selten, sogar fast nie, permanent. In dem Moment, in dem ein sei es noch so kleiner Teil von uns selbst in unseren Kreationen und Errungeschaften steckt, kann man diese zwar zerstören, aber nie den Nachhall zum Verstummen bringen. Ein Zustand wird durch eine Erfahrung ersetzt, Handeln durch Handlungslosigkeit, Bewegung durch Stillstand. Raum für Neues ist geschaffen. Was wir mit dem ersetzten Zustand anfangen, bleibt uns überlasssen. Wir können ihn ignorieren, aus ihm lernen, ihn verachten oder alles andere erdenkliche anstellen. Nur das Requiem unseres Handelns, Erfahrens und Denkens, der Nachhall, wird uns nicht verlassen, egal wie wir uns entscheiden. Er wird zur rechten Zeit in unseren Köpfen summen, bis wir endlich die passende Art des Umgangs gefunden haben.
Erst dann wird er langsam leiser werden, uns aber nie ganz verlassen. Versuchen wir ihn komplett auszublenden, was vielleicht streckenweise klappt, röhrt er zur Strafe Nachts dissonant in unseren Gehörgängen, oder gerade dann, wenn er ganz und gar nicht ins Konzept passt. Viele finden die passende Methode nie. Der Grunde könnte sein, dass jene zu finden eine rein individuelle Sache ist. Freunde, Bücher und andere Menschen können Impulse, aber nie die Antwort geben, noch dazu verzerrt ein selbst geworfener Schatten den klaren Blick auf die Realität. In solch einer Situation lässt sich keine Wahrheit finden. Angesichts dieser Tatsache versucht man sich dann in eine scheinbare Lösung zu flüchten und trägt sie wie ein Schild vor sich her. Es gelingt sogar, selbst daran zu glauben, so man diese Schlußfolgerung nur oft genug aus seinem eigenen Mund hört, indem man andere belehrt."
Der Stuhl verursachte ein knirschendes Geräusch, als Shima ihn etwas verschob. Er stützte die Ellenbogen auf seine Knie und legte die Fingerspitzen aneinander. Mit leicht zugekniffenen Augen fixierte er den Schließer. Inzwischen hatte wieder ein leichter Nieselregen eingesetzt.
"Der Nachhall schürt Vorurteile gegenüber Anderen und zugleich prägt er die Erwartungen an uns selbst. Angst entsteht davor, dass man selbst auf solch eine Art und Weise gerichtet werden könnte. Man geht davon aus, von allen Seiten auf dieselbe kritische Art beäugt zu werden. Im Grunde liegt man hier aber ziemlich falsch, denn nicht jeder hat dieselben Schlüsse gezogen. "Früher" war alles natürlich intensiver, weil man angeblich nichts von den Risiken wusste und deswegen freier war. Das ist falsch. Mit offenen Augen wusste man sehr wohl bescheid, es fiel nur einfacher sie zu schließen und sich driften zu lassen. Es war völlig klar, dass nichts für ewig ist, nur war es einfach zu akzeptieren. Die Fixation auf ewige Konstanten kam erst später, vielleicht aus reiner Faulheit, vielleicht aus Wunschdenken. Aber ist es eventuell so, dass es niemals Konstanten geben kann? Weder in der Liebe, noch in anderen sozialen Gefügen und auch sonst nirgends? Entstanden die besten Ereignisse nicht aus einem Zustand des losgelöst seins als aus zu festem Griff zur Realität? Hat nicht jeder
Nachhall solcher Ereignisse zu unrecht verbrannte Erde in uns hinterlassen, wo eigentlich Blumen wachsen sollte? Und warum beschäftigen wir uns mehr mit dem Thema der Zerstörung, als mit dem des Aufbaus und des Gebens? Ich denke, weil wir auf ersteres mehr Einfluß haben und weil der Hergang einer Destruktion besser rekonstruierbar ist, als der lang vergangene Erschaffungsprozess."
Shima blinzelte, da die Sonne durch ein paar Löcher im Gestrüppdach brannte und ihn blendete. Surreales Licht beleuchtete die gesamte Szene, greller Sonnenschein vermischte sich mit einem nun stärker werdenden Regen.
Der Schließer blinzelte ein paar mal und antwortete:
"Du hast meine Einsamkeit und meine Trauer vertrieben, Wanderer. Tritt durch das große Tor und setze deinen Weg fort."
Sich ein leichtes Lächeln gestattend stand Shima auf und schulterte seinen Rucksack. Der Schließer war, wie immer nach einer solchen Äußerung, in ein abwesendes Schweigen gefallen. Er würde nichts weiter sagen.
"Danke, Schließer. Wir werden uns sicher wiedersehen."
Diesem Schließer hatte Shima sicherlich schon einige Geschichten erzählt, vielleicht war es auch immer derselbe, niemand wusste es so genau. Langsamen Schrittes ging er auf den fahl beleuchteten Eingang zu. Ein paar vogelähnliche Wesen schüttelten piepsend ihr Gefieder aus, während sie unter der Dachkante Schutz vor dem Regen suchten.
"Verrenne dich nicht zu arg, Shima," raunte der Schließer."Du bist nur ein Stück des Weges gegangen und hast keineswegs das Ende gefunden. Noch viel Grau wird sich über deine Gedanken legen und dich weitertreiben. Bleib nicht stehen, sonst wird sich nie wieder ein Tor für dich öffnen. Überlege gut, wohin du dich nun wenden wirst, denn was dort passiert, entscheidet, ob und wie du deine Gedanken über den Nachhall, das Scheitern, Konstanten, Zerstörung und Erschaffung letztendlich verstehen wirst."
Shima bliebt wie angewurzelt stehen. Hatte er eine Antwort bekommen? Zum ersten mal seit Menschengedenken?
"War das eine Antwort, Schließer? Hat eure Rasse endlich das Schweigen gebrochen?"
Er wendete sich um. Der Platz, an dem der Schließer gesessen hatte, war bereits leer. Seufzend drehte Shima sich wieder dem Gebäude zu und stapfte aus demRegen in den Eingang hinein. Jetzt würde er sich erst einmal, in dem für Menschen gedachten Bereich der Station, ein heisses Bad gönnen.
Nach fast einem Jahrzehnt durfte er diese Welt nun wieder verlassen. Er schauderte. Eigentlich hätte sich dieses Ereignis anders anfühlen müssen. Monumentaler. Hätte, könnte, ... "wohin nun?" war eher die passende Frage und er verwarf den vorherigen Gedanken im selben Augenblick, denn über ein Ziel hatte er sich in all der Zeit nie Gedanken gemacht. Die Erkenntnis stieß ihm seltsam übel auf. Zu unrecht vielleicht, aber das würde sich erst in ferner Zukunft einschätzen lassen.
Er entschied, sich keine Energie für den Weg zurück zu sparen. Der Traum lebte wieder.
-
Frei nach dem Spektrum-Szenario von Sergej Lukianenko.
//edit:
Scheiß Formatierung, sieht überall anders aus. Also nicht meckern. Außerdem ist das meine erste "öffentliche" Story. ;)
Das Gewitter hatte sich fast komplett aufgelöst als Shima schweren Schrittes aus dem Dickicht trat. Der Trampelpfad, dem er tagelang gefolgt war, verlor sich in einer ausladenden, mit hohem, nun triefend nassem, Gras bewachsenen Wiese. Tiefes Grau färbte den Himmel, aber am Horizont zeichneten sich bereits die ersten Anzeichen einer aufziehenden Sonne ab. Trotz des noch vor wenigen Minuten und davor tagelang gnadenlos hinabpeitschenden Regens war die Temperatur ungewöhnlich hoch. Der Boden dampfte und dicke Schwaden stiegen zum Himmel. Den Weg zu finden war einfach gewesen, denn das Signallicht, hoch oben auf den Überresten der uralten Bunkeranlage, strahlte seinen grellen Intervall hunderte von Kilometern über das waldbedeckte Hügelland.
Shima zog die Riemen des Rucksacks noch einmal fest und hoffte, dass die Isolation des Inhalts ausreichend gewesen war. Den restlichen Weg würde er in einer guten Stunde schaffen.
Das Gemäuer, ein Verbund aus Metall und Stein, ragte stumpf und rostig aus dem Boden. Von nahem war der Anblick zugleich überwältigend und trostlos zugleich und noch immer troff Wasser in kleinen Bächen aus dem löchrigen Gemäuer. An einen altägyptischen Tempel erinnernde Stufen führten zu einem kleinen, erstaunlich gut erhaltenen Eingang empor vor dem, unter einem Dach aus morschen Stützen und Gestrüpp, eine dunkle Gestalt an einem Tisch saß. Als Shima sich die Stufen hinaufschleppte, die letzten Schritte sind bekanntlich entweder die einfachsten oder die schwersten, schien das Wesen ihn mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und pragmatischem Interesse zu begutachten.
Am Tisch angekommen hob Shima den schweren und vom Regen klammen Rucksack vom Rücken, um ihn behutsam neben dem Tisch abzusetzen, während er den schwarz behaarten Humanoiden auf der anderen Seite fragend ansah. Dieser nickte unmerklich. Shima setzte sich während er das Wesen musterte. Der hiesige Schließer war ein hochgewachsener Vertreter seiner Art und hatte kurzes, dichtes Fell. An den unbehaarten Stellen schillerten mikroskopische Schuppen und zwei wache Augen blickten dem Besucher ins Gesicht. Auch schien er eine Vorliebe für die irdische Kultur der Mexikaner zu haben, denn als anscheinend) einziges Kleidungsstück trug er einen farbig bestickten Poncho. Auch Tabak bot ihm wohl eine ansprechende Beschäftigungstherapie, denn in seiner linken Hand ruhte eine schlichte, jedoch tadellos verarbeitete, Holzpfeife. Ein schmaler Faden von bläulichen Rauch stieg aus ihr in die Luft.
Mit einer selbstverständlichen Routine nahm Shima sich das Tee-Ei vom Tisch und befüllte es mit dem bereitliegenden Schwarztee. Nachdem er sich einen kleinen Krug mit heissem Wasser aus einer Metallkanne befüllt und den Tee hatte ziehen lassen, schnitt er eine handvoll Minzblätter in zwei Teile und stopfte sie mit einem Holzspatel auf den Boden des Trinkgefäßes. Als er seinen Blick über den Tisch schweifen liess, entdeckte er noch eine kleine Bambuskiste mit braunem Zucker, von dem er ein paar der größeren Kristalle zum Tee dazugab. Einige Minuten später rann der erste Schluck eines heißen, bittersüßen Getränkes seine Kehle hinab. Zufrieden ausatmend stellte er den Krug auf den Tisch und sein Blick fiel auf den Schließer. Dieser hatte sich inzwischen eine neue Pfeife gestopft.
"Einsam ist es hier und traurig", eröffnete der Schließer."Sprich mit mir, Wanderer."
"Ich möchte dir eine Geschichte von erlangten und verlorenen Dingen erzählen, auch handelt sie von der Zukunft, obgleich ich sie nicht sehen, sondern nur erhoffen, konstruieren oder verleugnen kann", entgegnete Shima, den Teekrug dabei auf dem Tisch drehend, so dass heisser Dampf seine Handfläche benetzte. "Im Grunde beinhaltet sie noch viel mehr, aber eine bessere Eröffnung fiel mir nicht ein. Geschichten fasst man normalerweise auch erst zusammen, nachdem man sie erzählt hat."
"Zusammenfassungen verschlucken wichtige Details und Nuancen, welche eine Geschichte erst hörenswert machen. Außer sie hat nur wenig mehr zu bieten, als ein von vornherein offensichtliches Ende", bemerkte der Schließer.
"Ja, das ist richtig. Andererseits: ein paar Worte vorweg helfen dem Zuhörer, die Geschichte wieder in die richtigen Bahnen zu leiten, sollte der Erzähler einmal zu weit abschweifen".
Der Schließer nickte wissend und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. "Fahr fort", forderte er Shima auf.
"Oft wird davon ausgegangen, dass man Dinge, die man über lange Zeit erschaffen hat, innerhalb von Sekunden unwiederbringbar zerstören kann. Materiell oder Immateriell spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Kinder bauen Sandburgen mit ungeheurer Akribie und Hingabe. Der Höhepunkt dieses Spiels ist aber deren Zerstörung innerhalb von Sekunden, das Lachen dabei am lautesten und ehrlichsten. Je weiter das Leben fortschreitet, desto differenzierter, doch nicht weniger destruktiv, wird das Handeln. Die Grundprinzipien sind dieselben geblieben.
Da wäre der Jugendliche, der den kalten, fräsenden Schmerz einer einseitig ausgelösten Trennung noch nicht kennt und dementsprechend arglos mit dem Gegenüber
umgeht. Oder die Frau, welche sich Jahrzehnte für die Familie aufopferte bis sie sich selbst nicht mehr kannte und in einem Befreiunsschlag alles hinter sich lässt. Der Firmenchef, welcher langsam vom Mahlstrom der Sucht nach noch mehr Reichtung und Sicherheit zerrieben wurde und merkt, dass er nichts mehr hat ausser den kalten Wänden der Montagehallen - nicht einmal mehr sich selbst, da eine wirkliche Identität nur hinderlich gewesen wäre. Nur ist die Zerstörung endgültig?
Man geht davon aus, wenn man dieses Wort verwendet. Zerstörte Dinge existieren nicht mehr. Aber ändern sie eigentlich nicht nur ihr Erscheinungsbild? Die Ruine auf dem Hügel berichtet auch noch von längst vergangenen Zeiten, obwohl sie schon lange in Trümmern liegt. In unseren Gedanken wird sie wieder zum einstigen Bollwerk, stolz und erhaben, umgeben von grünen Bäumen und Büschen. Uneinnehmbar trotzt sie allen Widrigkeiten. Die Wahrheit liegt jedoch vor uns wenn wir die Augen wieder öffnen. Schon lange vor dem Fall hat der Wind die Steine abgeschliffen und Regengüsse die Risse im Gemäuer ausgehöhlt.
Während ihre Herren in ihrem Bauch feierten und sich in Sicherheit wägten, lag die Zuflucht bereits im Sterben. Und so verfiel sie Stück für Stück, was ihren Bewohnern sicherlich auffiel, nur traute sich niemand, es zur Sprache zu bringen. Diese Problematik lässt sich auf viele
Situationen übertragen:
Auf der einen Seite möchte man nicht als Miesmacher dastehen und damit den offensichtlichen Erfolg und Besitz öffentlich schmälern, auf der Anderen nagt die Gewissheit des Unausweichlichen an der eigenen Seele. Also entschließt man sich lieber dazu, die Dinge so zu lassen, wie sie sind, um am Ende sagen zu können, dass in Sekunden zerstört wurde, was Jahre lang bestand hatte."
Shima hatte sich während des Erzählens eine Zigarette gedreht und suchte in den Jackentaschen nach einem Feuerzeug. Nach mehreren erfolglosen Versuchen fand er eines in seiner Weste. Es war eines dieser Feuerzeuge, welche mit Werbung bedruckt waren, die man noch nie im Leben zu Gesicht bekommen hatte. Wahrscheinlich gedankenverloren eingesteckter, ursprünglicher Besitz des guten Kollegen vom besten Freund, dessen Vater einen kleinen Betrieb am Laufen hält und Feuerzeuge als Werbemittel einsetzt.Es tat seinen Dienst ohne Grund zur Beschwerde.
"Wieso tun wir Menschen so etwas?" Stellte Shima die rhetorische Frage und machte eine Pause, um an seiner Zigarette zu ziehen. "Mit offenen Augen ins Unglück, ein akzeptiertes Scheitern. Und all das, obwohl zu scheitern ein gesellschaftliches Stigma der
übelsten Sorte ist."
"Ich höre viele solcher Geschichten. Diese hast sogar du mir vor langer Zeit schon einmal erzählt. Sicherlich mit weniger gewandten Worten ... aber der Inhalt gleicht sich."
Der Schließer seufzte. Er zog sich seinen Poncho zurecht und für einen kurzen Moment erschien der Stoff blasser zu werden. Shima schüttelte die optische Täuschung ab indem er schnell den Faden wieder aufnahm:
"Nein, diesmal geht sie weiter. Sie hat ein Ende bekommen:
Egal auf welchem Fundament gebaut wurde: Zerstörung ist selten, sogar fast nie, permanent. In dem Moment, in dem ein sei es noch so kleiner Teil von uns selbst in unseren Kreationen und Errungeschaften steckt, kann man diese zwar zerstören, aber nie den Nachhall zum Verstummen bringen. Ein Zustand wird durch eine Erfahrung ersetzt, Handeln durch Handlungslosigkeit, Bewegung durch Stillstand. Raum für Neues ist geschaffen. Was wir mit dem ersetzten Zustand anfangen, bleibt uns überlasssen. Wir können ihn ignorieren, aus ihm lernen, ihn verachten oder alles andere erdenkliche anstellen. Nur das Requiem unseres Handelns, Erfahrens und Denkens, der Nachhall, wird uns nicht verlassen, egal wie wir uns entscheiden. Er wird zur rechten Zeit in unseren Köpfen summen, bis wir endlich die passende Art des Umgangs gefunden haben.
Erst dann wird er langsam leiser werden, uns aber nie ganz verlassen. Versuchen wir ihn komplett auszublenden, was vielleicht streckenweise klappt, röhrt er zur Strafe Nachts dissonant in unseren Gehörgängen, oder gerade dann, wenn er ganz und gar nicht ins Konzept passt. Viele finden die passende Methode nie. Der Grunde könnte sein, dass jene zu finden eine rein individuelle Sache ist. Freunde, Bücher und andere Menschen können Impulse, aber nie die Antwort geben, noch dazu verzerrt ein selbst geworfener Schatten den klaren Blick auf die Realität. In solch einer Situation lässt sich keine Wahrheit finden. Angesichts dieser Tatsache versucht man sich dann in eine scheinbare Lösung zu flüchten und trägt sie wie ein Schild vor sich her. Es gelingt sogar, selbst daran zu glauben, so man diese Schlußfolgerung nur oft genug aus seinem eigenen Mund hört, indem man andere belehrt."
Der Stuhl verursachte ein knirschendes Geräusch, als Shima ihn etwas verschob. Er stützte die Ellenbogen auf seine Knie und legte die Fingerspitzen aneinander. Mit leicht zugekniffenen Augen fixierte er den Schließer. Inzwischen hatte wieder ein leichter Nieselregen eingesetzt.
"Der Nachhall schürt Vorurteile gegenüber Anderen und zugleich prägt er die Erwartungen an uns selbst. Angst entsteht davor, dass man selbst auf solch eine Art und Weise gerichtet werden könnte. Man geht davon aus, von allen Seiten auf dieselbe kritische Art beäugt zu werden. Im Grunde liegt man hier aber ziemlich falsch, denn nicht jeder hat dieselben Schlüsse gezogen. "Früher" war alles natürlich intensiver, weil man angeblich nichts von den Risiken wusste und deswegen freier war. Das ist falsch. Mit offenen Augen wusste man sehr wohl bescheid, es fiel nur einfacher sie zu schließen und sich driften zu lassen. Es war völlig klar, dass nichts für ewig ist, nur war es einfach zu akzeptieren. Die Fixation auf ewige Konstanten kam erst später, vielleicht aus reiner Faulheit, vielleicht aus Wunschdenken. Aber ist es eventuell so, dass es niemals Konstanten geben kann? Weder in der Liebe, noch in anderen sozialen Gefügen und auch sonst nirgends? Entstanden die besten Ereignisse nicht aus einem Zustand des losgelöst seins als aus zu festem Griff zur Realität? Hat nicht jeder
Nachhall solcher Ereignisse zu unrecht verbrannte Erde in uns hinterlassen, wo eigentlich Blumen wachsen sollte? Und warum beschäftigen wir uns mehr mit dem Thema der Zerstörung, als mit dem des Aufbaus und des Gebens? Ich denke, weil wir auf ersteres mehr Einfluß haben und weil der Hergang einer Destruktion besser rekonstruierbar ist, als der lang vergangene Erschaffungsprozess."
Shima blinzelte, da die Sonne durch ein paar Löcher im Gestrüppdach brannte und ihn blendete. Surreales Licht beleuchtete die gesamte Szene, greller Sonnenschein vermischte sich mit einem nun stärker werdenden Regen.
Der Schließer blinzelte ein paar mal und antwortete:
"Du hast meine Einsamkeit und meine Trauer vertrieben, Wanderer. Tritt durch das große Tor und setze deinen Weg fort."
Sich ein leichtes Lächeln gestattend stand Shima auf und schulterte seinen Rucksack. Der Schließer war, wie immer nach einer solchen Äußerung, in ein abwesendes Schweigen gefallen. Er würde nichts weiter sagen.
"Danke, Schließer. Wir werden uns sicher wiedersehen."
Diesem Schließer hatte Shima sicherlich schon einige Geschichten erzählt, vielleicht war es auch immer derselbe, niemand wusste es so genau. Langsamen Schrittes ging er auf den fahl beleuchteten Eingang zu. Ein paar vogelähnliche Wesen schüttelten piepsend ihr Gefieder aus, während sie unter der Dachkante Schutz vor dem Regen suchten.
"Verrenne dich nicht zu arg, Shima," raunte der Schließer."Du bist nur ein Stück des Weges gegangen und hast keineswegs das Ende gefunden. Noch viel Grau wird sich über deine Gedanken legen und dich weitertreiben. Bleib nicht stehen, sonst wird sich nie wieder ein Tor für dich öffnen. Überlege gut, wohin du dich nun wenden wirst, denn was dort passiert, entscheidet, ob und wie du deine Gedanken über den Nachhall, das Scheitern, Konstanten, Zerstörung und Erschaffung letztendlich verstehen wirst."
Shima bliebt wie angewurzelt stehen. Hatte er eine Antwort bekommen? Zum ersten mal seit Menschengedenken?
"War das eine Antwort, Schließer? Hat eure Rasse endlich das Schweigen gebrochen?"
Er wendete sich um. Der Platz, an dem der Schließer gesessen hatte, war bereits leer. Seufzend drehte Shima sich wieder dem Gebäude zu und stapfte aus demRegen in den Eingang hinein. Jetzt würde er sich erst einmal, in dem für Menschen gedachten Bereich der Station, ein heisses Bad gönnen.
Nach fast einem Jahrzehnt durfte er diese Welt nun wieder verlassen. Er schauderte. Eigentlich hätte sich dieses Ereignis anders anfühlen müssen. Monumentaler. Hätte, könnte, ... "wohin nun?" war eher die passende Frage und er verwarf den vorherigen Gedanken im selben Augenblick, denn über ein Ziel hatte er sich in all der Zeit nie Gedanken gemacht. Die Erkenntnis stieß ihm seltsam übel auf. Zu unrecht vielleicht, aber das würde sich erst in ferner Zukunft einschätzen lassen.
Er entschied, sich keine Energie für den Weg zurück zu sparen. Der Traum lebte wieder.
-
Frei nach dem Spektrum-Szenario von Sergej Lukianenko.
//edit:
Scheiß Formatierung, sieht überall anders aus. Also nicht meckern. Außerdem ist das meine erste "öffentliche" Story. ;)
wintermute242 - 1. Jul, 04:32









